Brexit – das sagen Engländer in Deutschland

Should I stay or should I go? Die Briten haben sich für „go“ entschieden und damit ist der „Brexit“ – also der Austritt Großbritanniens aus der EU – beschlossene Sache. Schau fei hat Engländer, die in Deutschland leben, nach ihrer Meinung dazu befragt.

Ich bin sehr enttäuscht und heute sind ein paar Tränen in mein englisches Frühstück geflossen. Meine englischen Freunde hier und ich waren dafür, in der EU zu bleiben. Wir sind alle Europäer geworden und lieben die Vielfältigkeit, die ein Zusammenleben bringt. Wir haben daran geglaubt, dass die Europäische Union der Weg vorwärts ist.

Rosemary Keßler (60) aus Forchheim, gebürtige Engländerin

 

Unter dem Joch einer unzugänglichen Elite will man nicht leben. Der Mensch will nicht, dass jemand anders ihm den Weg abgrenzt, sondern will frei sein, seinen eigenen Weg zu beschreiten. Selbstbestimmung: das ist die fette Beute, nach der man besonders im Laufe der europäischen Geschichte jagt. Oft mit Blutvergießen.

Meiner Ansicht nach glaubten die Pro-Leave-Wähler, sie würden der bürokratischen Elite der EU entkommen, die sie kontrollierte. Es gehe daher im Referendum um eine Befreiung: Jetzt können wir Sachen für uns bestimmen: wir müssen kein mehr Geld verschwenden, unsere Grenzen nicht mehr offen halten, mit Brüssel umgehen, usw. Jetzt gehen wir unseren eigenen Weg.

Und der junge Arbeitsuchende denkt, er nehme an dieser Selbstbestimmung teil genauso wie der alte Rentner, der gute Patriot  sowie der kluge Pragmatiker.

Doch in Anbetracht dessen, dass die Politiker und die viel wenigeren Politikerinnen in Westminster mittlerweile überwiegend aus sehr bestimmten Schichten der britischer Gesellschaft stammen, und dass darüber hinaus sie so viele Unwahrheiten in ihrer Rhetorik während dieses Referendums verborgen hatten, muss man sich ja fragen: welche herrschenden Eliten sind in Wirklichkeit die unzugänglichsten für die überwiegende Mehrheit der britischen Bevölkerung?

Ich bin ganz für den Pragmatismus, aber ohne klar zu denken, können pragmatische Entscheidungen nur Trugschlüsse sein. Ich habe keine Zeit für Patriotismus – ich liebe jedenfalls mein Zuhause, aber ich glaube nicht, dass mein Zuhause an den Grenzen Großbritannien aufhört.

Alice, Erasmusstudentin aus Bristol, derzeit in Berlin

Die letzten zwei Wochen waren nicht die besten für das Vereinigte Königreich, sowohl politisch und wirtschaftlich als auch sportlich. Ich bin enttäuscht, dass sich offensichtlich nicht viele Wähler vor dem Referendum ausreichend darüber informiert haben, welche Konsequenzen ein „Brexit“ haben könnte. Obwohl ich selbstverständlich voll und ganz für die Demokratie bin, hätte es meiner Meinung nach niemals so weit kommen dürfen, dass das „einfache Volk“ die Verantwortung für eine solch komplizierte Entscheidung erhält. Leider ist es aber so, dass erfolgreich sowie mit falschen Fakten und Versprechungen Propaganda für einen Brexit betrieben wurde. Die zwei wichtigsten Punkte dabei waren zum einen die Politik der EU in Bezug auf die Flüchtlingskrise, mit der viele Briten unzufrieden sind, und zum anderen die subjektive Wahrnehmung, wirtschaftlich unfair von der EU behandelt zu werden. Man darf aber nicht so naiv sein und denken: „Wir unterstützen die EU nicht bei der größten Krise seit ihrer Gründung, profitieren aber weiterhin enorm durch die geringen wirtschaftlichen Hemmisse. Eines muss klar sein: Die Zahlungen des UK an die EU stehen im angemessenen Verhältnis der gesamten UK Wirtschaft. Und: Wenn die UK-Wirtschaft weiterhin so stark bleiben soll und weiter Wachstumschancen wahrnehmen möchte, muss sie sich an die Grundpfeiler der EU halten. Diese beinhalten aber auch die Personenfreizügigkeit. Alles in allem ist es meiner Meinung nach nicht nur ein Rückschlag in Bezug auf die UK-Wirtschaft als auch Politik, sondern auch für das junge britische Volk, das größtenteils gegen den Brexit gestimmt hat. Im Endeffekt wurde über ihre Zukunft abgestimmt. Jedoch – im Vergleich zu einer gewöhnlichen Wahl – findet das Brexit Referendum normalerweise nicht alle vier Jahre statt…
Stefan Pruden (24), ging in Forchheim zur Schule, hat die englische und die deutsche Staatsbürgerschaft