Als Zahnärztin in Kambodscha

Was heißt „Bitte zubeißen“ auf Khmer, der Amtssprache Kambodschas? Die Forchheimer Julia Flessa weiß es und wird es wohl nie mehr vergessen. Normalerweise studiert die 24-Jährige in Regensburg Zahnmedizin. Für eine Famulatur – einen freiwilligen Auslandsaufenthalt im Rahmen ihres Studiums – reiste sie nach Kambodscha.


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Julia (r.) bei der Arbeit… [Alle Bilder dieses Beitrages sind privat.]

Was ist eine Famulatur?
Eine Famulatur ist ein freiwilliger Aufenthalt im Ausland, bei dem man in einem Krankenhaus oder im Zuge einer privaten Organisation in einer „Zahnklinik“ arbeitet. Die meisten Zahnmedizin-Studenten oder voll ausgebildeten Zahnärzte machen das für 30 Tage.

Schau fei: Warum hast du dich für eine Famulatur entschieden?
Julia: Da es bei uns aber keine verpflichtenden Praktika in Zahntechnikerlaboren oder beim Zahnarzt gibt und auch kein Auslandssemester, wie in vielen anderen Studiengängen, empfand ich es als eine tolle Möglichkeit, meine Fähigkeiten zu verbessern und nebenbei die Kultur anderer Menschen zu erleben.

Wie läuft das genau ab und welche Voraussetzungen muss man mitbringen?
Ich habe mich etwa 1 Jahr vorher beworben. Manchmal ist es auch kurzfristg möglich. Eine Liste mit aktuellen Organisationen findet man auf der ZAD (Zahnmedizinischer Austauschdienst)-Seite. Organisieren muss man allerdings alles selbst. Die einzige Voraussetzung ist ein abgeschlossenes 8. Semester der Zahnmedizin (Regelstudienzeit sind 10 Semester + ein Semester für Staatsexamensprüfungen). Bei der Bewerbung konnte ich mir das Land selbst aussuchen – dann musste ich nur noch auf eine Zusage warten. Wir, 3 Freundinnen aus der Uni und ich, hatten an 10 verschiedene Organisationen in vielen Ländern eine Anfrage geschickt. Die Zusage aus Kambodscha kam schnell und da es ein Kinderhilfsprojekt ist, nahmen wir  gerne an. Mir gefiel zudem, dass es ein eher untouristisches Land ist, von dem ich bisher noch nicht so viel gehört hatte.

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Wie hast du dich vor der Abreise gefühlt und welche Vorbereitungen musstest du treffen?
Unsere Vorbereitungen starteten direkt nach der Zusage. Glücklicherweise wurden wir von vielen (Dental) Firmen und auch unserer Uniklinik ausreichend mit Sachspenden versorgt. Da kamen an die 100kg Gepäck zusammen. Neben den allgemeinen Vorbereitungen wie Flug und Unterkunftssuche, mussten wir verschiedene Impfungen durchführen lassen. Dazu gehörte zum Beispiel die Impfung gegen Meningokokken, wegen des Kontakts mit Kindern, und japanische Encephalitis wegen der Reisedestination Asien. Ich war aufgeregt und gespannt, eine neue Kultur kennenzulernen und die Behandlungsbedingungen vor Ort zu sehen.

So ein Auslandsaufenthalt ist ja auch immer mit Kosten verbunden. Wie hast du das geregelt?
Den größten Teil der Kosten trägt man selbst. Wenn man früh genug dran ist, kann man einen Fahrtkostenzuschuss beim DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) beantragen. Das einmalige Stipendium deckte dabei etwa 2/3 unserer Flugkosten ab. Wir möchten uns in diesem Zug nochmal bei allen Firmen bedanken, die uns außerordentlich großzügig unterstützt haben. Ein weiteres großes Dankeschön geht an unsere Familien, ohne die diese Reise nicht möglich gewesen wäre.

Als Zahnärztin in Kambodscha – das ist sicher ein Abenteuer, das man nicht mit einem 9 to 5 Job in Deutschland vergleichen kann. Wie sah dein Arbeitsalltag aus?
Wir 4 arbeiteten in den 4 Wochen der Famulatur Montags bis Freitags von 8-13 Uhr in einer kleinen „Zahnklinik“ neben einer buddhistischen Pagode. Der Raum, in dem wir vor allem Zähne oder Wurzelreste entfernten oder Füllungen legten, war mit 3 alten, aber noch funktionierenden Zahnarztstühlen ausgestattet. Wir arbeiteten in 2er Teams , wobei uns 2 kambodschanische Zahnarzthelferinnen und eine Zahnärztin zum Übersetzen und bei Fragen zur Seite standen.

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Hast du trotzdem ein bisschen in die Landessprache eintauchen können?
Wir lernten nur die wichtigsten Wörter, die in unserem Fall wohl etwas ausgefallener sind: Die Wörter „tschew?“ (Schmerzen?), „haaaa“ (bitte den Mund öffnen), „kam“ (bitte zubeißen) und „orkuhn“ (danke) waren die wichtigsten für unseren Arbeitsalltag. Auf der Straße kann man sich mit Englisch durchschlagen. Ansonsten hilft immer noch eine kambodschanische Tonaufnahme mit einer Beschreibung für den Nachhauseweg oder die gute alte Zeichensprache.

Dann war sicher nicht nur die tägliche Arbeit eine Umstellung. Hast du den berühmten Kulturschock in Kambodscha erlebt?
Anfangs war es definitiv ein Kulturschock, obwohl ich schon mal in Asien war. Es gibt einfach so viel zu sehen – überall Straßenstände, überall Rollerfahrer, wirrer und lauter Stadtverkehr, viele neue Gerüche – das führte am Anfang zu einer völligen Reizüberflutung. Doch man gewöhnt sich an alles und schon nach einer Woche hatten wir uns ganz gut eingelebt. Wir wohnten bei einer Engländerin, die vor vielen Jahren nach Kambodscha ausgewandert ist. Das Haus war nicht weit von unserer Arbeitsstätte entfernt und befand sich etwa 6 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas.

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Julia (2.v.l.)

Was hat dich während deiner Famulatur am meisten überrascht?
Nachdem ich einiges über die Geschichte Kambdoschas erfahren hatte, war ich noch mehr über die Herzlichkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen erstaunt. In den 80er Jahren hatten hier nämlich die roten Khmer etwa ein Viertel der Bevölkerung brutalst ermordet. Ein schöner Satz, den uns unsere „Host mum“ mit auf den Weg gab, als wir Kambodscha verließen, war: „People see you as guests here, not as tourists“. Genau das drückt aus, wie wir hier aufgenommen wurden.

Was nimmst du von deiner Reise mit nach Hause?
Alles etwas gelassener anzugehen. Zudem will ich noch mehr auf andere Menschen in meiner Umgebung achten, egal ob ich sie nun kenne oder nicht, und hilfsbereiter sein. Wir fanden es ja auch immer nett, wenn wir orientierungslos auf der Straße standen und den Weg nicht fanden. Und ich will den Menschen wieder mehr in die Augen sehen, mehr von meiner Umwelt mitbekommen.
Zahnärztlich gesehen nehme ich natürlich mehr Erfahrung mit. Unser Behandlungsalltag ist in Deutschland leider oft stressig und wir stehen unter Zeitdruck. Hier konnten wir uns ein wenig „ausprobieren“, ohne ständig auf die Uhr zu schauen. Außerdem nehme ich mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit Patienten mit. Wir behandlten sowohl Kinder als auch Erwachsene, je nachdem wer gerade Schmerzen hatte. Zudem nimmt man die Körpersprache viel besser wahr, wenn man der Landeshauptsprache nicht mächtig ist, und arbeitet unbewusst auch an seiner eignen Körpersprache.

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Würdest du anderen Zahmedizin-Studenten so einen Auslandsaufenthalt empfehlen?
Ich kann es allen Zahnmedizinern nur ans Herz legen. Es ist wirklich eine tolle Erfahrung und man lernt auch mit weniger „Luxus“, was die Behandlung angeht, auszukommen. Man beschränkt sich eben auf das aller Notwendigste. Ich habe nicht nur viel Fachliches, sondern auch viel über mich selbst gelernt. Die Dankbarkeit der Erwachsenen oder ein freudiges Kinderlächeln nach der Behandlung haben mich am meisten glücklich gemacht. Zu unseren kambodschanischen Helferinnen und der Zahnärztin hatten wir auch eine besondere Verbindung. Wir konnten uns nur schwer von ihnen trennen und verdrückten auch die ein oder andere Träne.
Ich habe sogar schon die nächste Famulatur in meinem Kopf geplant. Nach den Prüfungen, die im Februar beginnen und leider erst im Juli ein Ende nehmen, möchte ich gern nochmal an einem Hilfsprojekt teilnehmen. Dabei schwebt mir im Moment Nepal oder Myanmar vor.

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