„Ich war selbst noch nie auf einer Dichterlesung“

Ein Schriftsteller, der nicht gerne liest? Hashtags in einem Gedichtband? Schau fei Redakteurin Sabrina führte ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Heroldsbacher Sven Berlip (39): über den Alltag als moderner Poet, Dichterlesungen, seine brotlose Kunst und Johnny Depp.

Sven Berlips Vita ist alles andere als langweilig: Hauptberuflich ist der Heroldsbacher in Bubenreuth als Altenpfleger tätig, nebenbei fotografiert er und schreibt seit über 20 Jahren Gedichte über die Liebe und das Leben.

Schau fei: Lyrik ist ja nicht gerade ein Genre, das als Kassenschlager bekannt ist.
Sven Berlip: Sie ist bei uns eigentlich ein totgesagtes Element und mit Poesie lässt sich definitiv kein Geld verdienen. Es ist und bleibt eine brotlose Kunst. Ich versuche Kutschenräder zu verkaufen, wo die Menschen eigentlich Autoreifen brauchen. Manche Menschen haben regelrecht Angst, Dichtung zu lesen, weil sie fürchten, mit zu komplizierten lyrischen Texten zugebombt zu werden. Viele verbinden es auch mit negativen Erinnerungen an die Schulzeit, wo man dazu verdonnert wurde, klassische Gedichte auswendig zu lernen. Dem versuche ich mit meiner Arbeit entgegen zu wirken.

Wie genau machst du das?
Ich versuche immer, auf eine einfache Art und Weise zu dichten und dies dem Leser oder Zuhörer näher zu bringen. Aus meiner Dichtung mache ich kein kryptisches Geheimnis, denn der Leser soll sich einfach nur unterhalten fühlen. Wenn es doch mal sehr poetisch wird, nehme ich den Leser an die Hand – zum Beispiel mit Anmerkungen zum Text oder einer thematischen Einordnung durch Hashtags. Im Index kann man so einfach herausfinden, wo man ein Gedicht zu einem bestimmten Bereich, wie zum Beispiel Natur oder Humor findet. Das ist meines Wissens einzigartig in einem Lyrikband. Natürlich nutze ich auch soziale Medien, um mein Publikum darüber zu erreichen.

Was gefällt dir an der Poesie?
Im Grunde verpacke ein einfaches Thema gerne kunstvoll in Worte. Da bin ich auch nicht festgelegt – ich liebe Humor, vor allem im spielerischen Stil von Heinz Erhardt. Das kann vom Leser einfach und schön konsumiert werden. Liebe und Romantik sind definitiv auch meine Themen. Fränkische Mundart und Heimatdichtung hingegen liegt mir überhaupt nicht.

Warum hast du dich entschlossen, deine Werke zu veröffentlichen?
Das Schreiben war lange nur ein Hobby und meine Werke sind abgesehen von einem kleinen Leserkreis aus Freunden und Bekannten nie einem größeren Publikum bekannt geworden. Doch 2015 war es in meinen Augen Zeit und auch wert, alles, was sich in meiner Schublade angesammelt hat, in Buchform rauszubringen. Mein erster Gedichtband „Denkzettel“ ist also eine Sammlung aus 20 Jahren – und die Erfüllung eines Traumes.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Gedichte?
Aus allen Ecken und Kanten. Jedoch bin ich kein negativer Schreiber, ich verarbeite also ausschließlich positive Erlebnisse und Gefühle – geht es mir gut, kann ich auch schreiben, immer mit einem Augenzwinkern und einem Lächeln. Bei vielen Schriftstellern ist es ja genau anders herum. Es kann sein, dass ich eigene Erlebnisse verarbeite oder auch mal ein Filmzitat der Auslöser ist, zum Beispiel aus „The Great Gatsby“.

Du hast also die Inspiration – wie sieht dann der Schreibprozess an sich aus?
Wenn mich die Lust oder Inspiration packt, muss und will ich meine Gedanken sofort aufschreiben – das kann früh um 5 Uhr beim Aufwachen, auf Arbeit und im Auto sein. Im Notfall tut es auch ein Schmierzettel. Deshalb heißt mein Buch auch „Denkzettel“, nach den vielen Blättern, auf denen ich meine Gedanken niedergeschrieben habe. Damit ist es in der Dichtung natürlich noch nicht getan – die erste Idee bearbeite ich weiter, manchmal 3 bis 4 Stunden. Rhythmus stellt sich beim Dichten dann von selbst ein. Nach diesem Takt und der Melodie schreibe ich dann – am besten möglichst flüssig. Tim Bendzko und Philipp Poisel sind deshalb so erfolgreich, weil sie ihre guten Texte in Musik verpacken – das macht es für den Zuhörer leichter, den Text mitzuerleben. Deshalb finde ich auch, dass Dichtung erst richtig interessant wird, wenn sie vorgetragen wird. Nur über ein Buch ist das schon sehr schwierig.

Wie fühlst du dich, wenn du selbst deine Texte vorträgst?
Ich bin keine Rampensau, trage sie aber mittlerweile unheimlich gerne vor und versuche, eine kleine Show draus zu machen. Texte wie „Das Stöpselkind“ werden gerade auf Feiern immer gern gehört. Ich hoffe, dass ich besser werde – es ist noch nicht professionell. Nicht umsonst heißt es ja: Der Schreiber ist zum Schreiben da. Viele Autoren heuern Schauspieler oder professionelle Sprecher an, die ihre Texte dann vorlesen.

Wen würdest du dir für deine Texte aussuchen, wenn du die Wahl hättest?
Für viele meiner Texte wäre es der Ritterschlag, wenn Heinz Erhardt sie vortragen würde – wenn er noch könnte. Es kommt am meisten auf die Stimme an. David Nathan, der Synchronsprecher von Johnny Depp hat eine ganz außergewöhnliche Stimme und liest auch tolle Hörbücher. Wen ich im Fernsehen unerträglich fand, war Dirk Bach. Doch als Hörbuchstimme – zum Beispiel in „Die Stadt der träumenden Bücher“ von Walter Moers – ist er grandios, da klappt einem die Kinnlade runter. Man hört einfach, wenn jemand den Text lebt.

Hast du einen Lieblingsdichter?
Heinz Erhard finde ich einfach toll, weil er so absolut volksnah war und nicht abgehoben. An Gedichten gefallen mir dann die Klassiker.

Und von deinen eigenen?
„Die schnuppenden Sterne“ mag ich gerne. Es geht darum, zu zweit irgendwo zu stehen und Sternschnuppen zu betrachten – völlig unromantsich. Dann kommt zwangsläufig der Satz „Du weißt schon, dass das nur Staub ist, der in der Atmosphäre verglüht?“ Ein Wunsch geht eben besser in Erfüllug, wenn man ihn laut ausspricht. Dieses Gedicht handelt genau davon. Ein neuerer Text, den ich bei der Lesung vorstellen werde, ist „Schneewittchen“ – obwohl er als absolutes Nebenprodukt zu einem Text über Mona Lisa entstanden ist. Als Allergiker liebe ich meinen „Pollen-Porno“, und als Autor meine Gedichte über den Schreibprozess und die Inspiration an sich.

Bist du beim Lesen eher der Kindle- oder Hardcover-Typ?
Ich lese so gut wie nie.

Wie bitte??
Zur Zeit lese ich ein paar uralte Kurzgeschichten von Thorsten Sträter, aber das war es dann schon. Sonst lese ich so gut wie nie, liebe aber Hörbücher beim Autofahren. Ich habe auch kaum klassische Gedichte gelesen, auch wenn ich mich natürlich mal mit Shakespeare und Edgar Allan Poe beschäftigt habe. Ich würde auch nie sagen: Leih mir mal bitte deinen 300-Seiten-Roman aus, du kriegst ihn nächste Woche zurück. Ein Roman ist eine Monate dauernde Aufgabe für mich – ich lese zu langsam.

Wie sieht es mit anderen Schriftsteller-Klischees aus? Romantiker? Schüchtern, wenn es um Frauen geht?
Ich bin zwar extrovertiert, aber sehr nachdenklich – und das Klischee des Romantikers trifft absolut zu. Meine Frau ist da eher das Gegenteil. Wenn Bekannte sagen: „Oh, als Frau eines Poeten kriegst du zum Hochzeitstag sicher immer schöne Gedichte“, dann antwortet sie ganz zynisch: „Und wenn er Metzger wäre, würde er mich schlachten, oder was?“. Die Rollen sind bei uns eher vertauscht (lacht). Viele romantische Gedichte sind auch fiktiv, selbst wenn sie im Grunde auf einem echten Erlebnis basieren. Das ist für die Allgemeinheit manchmal schwerer zu akzeptieren als für die eigene Frau.

Wo soll es mit deinen Texten hingehen?
Mein größter Wunsch wäre natürlich, einen gewissen Bekanntheitskreis zu erreichen – wohlwissend, dass wenn ich 100 Leute auf Lyrik anspreche, nur einen finde, der es tatsächlich mag. Dennoch gibt es gute Ideen, was man mit Lyrik heutzutage machen kann – zum Beispiel als Bestandteil eines klassischen Sommerkonzerts im Park oder eines romantischen Dinners. Poetry Slams erleben ja auch gerade einen Hype, doch als klassischer Dichter wäre ich da eher der Außenseiter. Mich stört auch ein wenig, dass vieles zu sehr in die politische Richtung geht. Witzigerweise war ich selbst auch noch nie auf einer Dichterlesung. Keine Ahnung, was andere Dichter machen oder wie ein klassischer Dichtband aussehen müsste – sicher nicht mit Anmerkungen und Hashtags. Ich mache einfach mein eigenes Ding.

 

Hashtags in einem Gedichtband? Was wir aus sozialen Netzwerken wie Twitter und Instagram kennen, nutzt der Dichter Sven Berlip, um seinen Lesern eine kleine thematische Orientierungshilfe zu geben.

Am 10. Mai 2017 findet in der Forchheimer Stadtbücherei eine öffentliche Lesung statt, bei der Sven Berlip sein 2015 erschienenes Buch „Denkzettel“ (erhältlich in Forchheimer Geschäften und über Amazon) und neue Werke vorstellen wird. Start ist um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

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